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Beim Volk der Huni Kuin im brasilianischem Amazonas-Regenwald

Updated: May 31, 2020

Abgelegen im äußersten Nordwesten Brasiliens tief inmitten des Amazonas Regenwaldes lebt das indigene Volk der Huni Kuin [1]. Ich begebe ich mich auf eine abenteuerliche Reise in den Dschungel, um sie zu besuchen.


Es ist stockdunkel. Meine Taschenlampe leuchtet mir den feuchten und rutschigen Weg durch das dichte Gestrüpp. Kurz darauf erreiche ich das einfache Holzhaus, das für die nächsten drei Wochen mein neues Zuhause sein wird. Ich trete ein und schaue mich im Lichtkegel meiner Taschenlampe um. Großer Schreck! Zwei riesige beharrte Spinnen. Handgroß und unbeweglich sitzen sie da. Weitere Krabbeltiere und Insekten fühlen sich vom Licht angezogen. Meine erste Nacht hier alleine inmitten des Urwaldes. Nur ich, meine Taschenlampe und die kleinen Mitbewohner. KeinStrom. Ich verkrieche mich unter meinem Moskitonetz und versuche einzuschlafen.


Die Ankunft

Mit rasanter Geschwindigkeit fährt das Boot den kurvigen Fluss hinunter entlang am dichten Regenwald. Die intensiven Geräusche des Waldes vermischen sich mit dem Fahrtwind, der mir energisch ins Gesicht weht. Der Weg bis hierher war lang. Von meinem Heimatort führte die Reise zunächst nach Rio Branco [2] im Bundesstaat Acre [3] in Brasilien. Anschließend brachte mich eine kleine Propellermaschine nach Jordão [4], einer winzigen Gemeinde inmitten des brasilianischen Regenwaldes. Straßen gibt es in dieser Region nicht. Jetzt liegt nur noch diese zweistündige Bootsfahrt vor mir und das Ziel ist erreicht.


Begrüßungsgeschenk

Endlich angekommen. Sogleich werde ich zu einem Ritual der Körperbemalung eingeladen. Eine Dorfbewohnerin bemalt mein Gesicht und meine Arme mit der schwarzen Farbe der Regenwaldfrucht „Jenipapo“. „Diese Bemalung dient als energetischer Schutz“, erklärt sie mir. „Sie besteht aus Grafiken, die wir während unserer spirituellen Rituale erhalten." Für sieben Tage wird die Farbe auf meiner Haut verbleiben.


Der Alltag im Dorf

Das Leben ist einfach. Kein Internet. Bis vor kurzem auch keine Elektrizität. Doch jetzt versorgt eine neuinstallierte Solaranlage das Dorfzentrum am Abend für einige Stunden mit Strom. Täglich gehe ich mit den Dorfbewohnern hinunter zum Fluss. Dort waschen wir uns und unsere schmutzige Kleidung. Für die Notdurft halten Trockentoiletten oder der Wald her. Es gibt viel Arbeit. Große dampfende Aluminiumkessel brutzeln auf offenen Feuerstellen. Eifrig bereiten die Frauen die täglichen Mahlzeiten vor, die aus viel Rindfleisch und frischem Fisch aus dem naheliegenden Fluss bestehen. Für mich als Vegetarierin gibt es Reis, Bohnen, Eier, gekochte oder gegrillte Bananen, Mais, Maniok und Ananastee. Es schmeckt köstlich. Schlichte aber robuste Holzhäuser säumen das Dorf. Ihre Dächer sind aus dichtem Stroh oder vereinzelt aus Aluminium gefertigt. Laut kreischen die Motorsägen, denn gerade werden neue Malocas [5] gebaut. Dazu fällen einige Männer und Jungen im Wald die „Urikuri-Palmen“, deren Blätter sie für den Bau der Dächer verwenden oder für das Kunsthandwerk der Frauen aufbereiten. Andere Männer gehen auf Jagd oder fischen. Oft schaue ich den Frauen und Mädchen bei der Herstellung ihres traditionellen Kunsthandwerkes zu. Fasziniert bin ich davon, wie sie die winzigen runden Kügelchen aus Missanga [6] auffädeln und so farbenfrohe mit heiligen Grafiken versehene Armbänder, Halsketten und Ohrringe entstehen. Andere flechten Körbe und Matten aus den Blättern der Urikuri-Palme oder weben aus Wolle Taschen, Pullover und Jacken. Neben der Eigennutzung verkaufen sie dieses mit viel Aufwand gefertigte Kunsthandwerkauch an Touristen.


Viel Musik, Freude und glückliche Kinder

Wann immer es die Zeit erlaubt, werden die Gitarren gespielt, intensiv die Trommeln geschlagen und kraftvolle Lieder der Heilung gesungen, tägliche Rituale, durch die das Volk der Huni Kuin seine Spiritualität und Lebensfreude ausdrückt. Die Kinder toben wild um uns herum. Als ich meine Kamera hervorhole, um diesen Moment festzuhalten, bin ich blitzartig von ihnen umringt. Begierig möchten sie alle meine Fotos sehen. Mich rühren ihre natürliche Neugierde und Anhänglichkeit.


Im Regenwald

Ich bin mit dem Schamanen im Regenwald. Auf engen Pfaden schlängeln wir uns durch das heiße und feuchte Dickicht. Die Erde ist vom starken Regen aufgeweicht. Ich suche Halt an den Ästen der Sträucher und Pflanzen. Dabei achte ich darauf, nicht in eines der vielen Spinnennetze zu greifen, die den Rand des Pfades säumen. „Vorsicht!“ ruft der Schamane plötzlich, „nimm dich in Acht vor diesen Ameisen. Ein Stich von ihnen bedeutet starken Schmerz.“ Erschrocken schaue ich auf einen Ast. Eine gigantische tiefschwarze Ameise marschiert darauf entlang. Der Schamane sammelt Blätter von den Pflanzen für ihre Medizinen. „Der Wald ist unsere Apotheke“, sagt er. Hier finden wir Pflanzen die gegen jegliches Leid helfen, wie zum Beispiel gegen Verbrennungen, Haarausfall, Schwangerschaftsprobleme oder sogar Eifersucht. Kleine Insekten und Mücken schwirren um uns herum. Insbesondere die ganz winzigen, fast unsichtbaren Mücken sind sehr hartnäckig. Schnell hinterlassen sie viele kleine rote Punkte auf dem Körper. Schmetterlinge in strahlend blauer Farbe gleiten durch das Dickicht. Hoch oben in den Baumkronen singen die Vögel. Größere Tiere zu sichten ist hingegenschwer. „Sie halten sich von uns Menschen fern“, erklärt der Schamane. Plötzlich verschwindet er im Wald. Kurze Zeit später kommt er mit einer länglichen Frucht zurück. Er öffnet sie und bietet mir ihr flaumig weißes Fruchtfleisch an. Es schmeckt gut, sehr süßlich. „Der Name der Frucht ist Ingá“, verrät er. „Wie mein Name“, antworte ich. Wir müssen beide lachen. Zugleich wird er jedoch ernst: „Wir versuchen die Nähe zur Natur zu bewahren denn sie repräsentiert unseren Gott. Täglich kämpfen wir für die Stärkung unserer Kultur um uns, den Wald und die Natur zu schützen.“

[1] Das Volk der Huni Kuin, ist eines der präsentesten indigenen Völker Brasiliens. Es lebt an der Grenze zu Peru im Unterlauf des Jordão Flusses, in Acre, Brasilien. Die Bezeichnung „Huni Kuin“ (Kaxinawá) bedeutet soviel wie „homens verdadeiros“ oder „gente com costumes conhecidos“ was in der Übersetzung „echte Menschen“ oder „Menschen mit bekannten Bräuchen“ heißt. Ausführlichere Infos zum Volk der Huni Kuin lassen sich unter folgendem Link finden (auf Portugiesisch): https://pib.socioambiental.org/pt/Povo:Huni_Kuin_(Kaxinawá)


[2] Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Acre. Die Distanz in Luftlinie zu Rio de Janeiro beträgt 2987 km.


[3] Ein Bundesstaat im äußersten Nordwesten Brasiliens. Die Vegetation Acres ist fast ausschließlich vom Amazonas-Regenwald geprägt und seine Bevölkerung setzt sich aus indigenen Völkern und Siedlern aus dem Nordosten und Süden Brasiliens zusammen. Vgl. https://www.estadosecapitaisdobrasil.com/estado/acre/


[4] Eine kleine Gemeinde im Bundestaat Acre in Brasilien, die von den Flüssen Jordão und Tarauacá geschnitten wird. Hier leben mehr als zweitausend Ureinwohner der Huni-Kuin Volksgruppe. Insgesamt hat die Gemeinde 7000 Einwohner und liegt etwa 640 Kilometer Luftlinie von der Landeshauptstadt Rio Branco entfernt, direkt im Amazonas-Regenwald. Ohne Zugang auf dem Landweg ist Jordão entweder durch eine 3-tägige Reise mit dem Boot oder einem 2,5 stündigen Flug mit dem Lufttaxi zu erreichen. Vgl. https://www.agencia.ac.gov.br/jordo-uma-pequena-cidade-amaznica/


[5] Malocas sind die traditionellen Häuser mit Dächern aus Stroh der indigenen Völker.


[6] Kleine Stücke aus Glas, Stein oder ähnlichem Material gerundet und perforiert, sodass sie mit anderen eingefädelt werden können.



















Für weitere Fotos bitte besuchen Sie die Fotogalerien auf meiner Website: https://de.ingabacken.com/photo-gallery


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