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„Hãpaya, o ritual de batismo“ – Das „Taufritual“

Der Schamane erhält eine Gesichtsbemalung mit der roten Farbe der Regenwaldfrucht „urukum“ und auch ich werde im Anschluss mit dieser Farbe bemalt. „Dies dient zur Vorbereitung für ein ‚ritual de batismo’ (‚Taufritual’), das heute mit dir ausgeführt wird. In unserer Sprache heißt es ‚Hãpaya’ und ist sehr heilig für uns“, erklärt mir der Schamane. Zudem erfahre ich, dass daran eine dreitägige spezielle Diät folgen wird in der Salz, Zucker, Fleisch und Fisch strikt untersagt sind. Diese Diät soll den Körper reinigen und ihn offener für den Empfang der heiligen Pflanzenmedizinen machen.


Ein wenig später gehen wir in einer kleinen Gruppe in den Wald zum Samaúma-Baum, wo das Ritual stattfinden wird. Der Schamane trägt einen Kopfschmuck aus Harpyien und Ara-Papageienfedern und die Frauen und Kinder, die uns begleiten, tragen bunte Stirnbänder mit den für ihr Volk typischen Grafiken. Auch ich habe ein Band um die Stirn gebunden. Bei der Samaúma angekommen holt der Schamane den roten Pfeffer hervor. Eine für sein Volk sehr heilige Medizin. Er legt den Pfeffer auf den Boden. Mit der einen Hand fängt er an, ihn mit einem Holzstäbchen zu zermahlen. Dabei spricht er ein Gebet in seiner Sprache. In der anderen Hand hält er einen toten Japinim-Vogel. Ein heiliger Vogel, der den Gesang aller anderen Vögel nachahmt. 


Ich setze mich auf eine der dicken Wurzeln der Samaúma. Der Schamane stellt eine kleine Schale vor meine Füße und verrät mir die Bedeutung des Rituals. „In der Legende der Huni Kuin erhält der Eingeweihte, der dieses Ritual durchläuft eine Initiation und wird damit befähigt, selber zum Heiler zu werden. Er soll durch den Geist des heiligen Pfeffers und des heiligen Vogels Japinim lernen zu singen und Lieder der Heilung in seinen Visionen empfangen.“ Ich muss meinen Mund öffnen und meine Zunge herausstrecken. Ich bin aufgeregt. Der Schamane benetzt den Schnabel des heiligen Vogels mit dem zermahlenen Pfeffer und tupft ihn für einige Minuten auf meine Zunge begleitet von einem weiteren Gebet. „Jetzt muss die Energie der Pfeffer-Medizin für 40 Minuten auf deiner Zunge einwirken“, sagt er nachdem er fertig ist. 


Speichel tropft von meiner Zunge hinab und wird von der kleinen Schale aufgefangen. Der Pfeffer brennt aber ich nehme mich zusammen, nicht zu schlucken oder zu spucken. Ich möchte das Ritual unbedingt durchstehen. Als die 40 Minuten vorüber sind spucke ich den angesammelten Speichel aus meinem Mund und putze mir die Nase.


Das Ritual ist offiziell beendet. Beflügelt gehe ich zu meinem Haus. Es ist außergewöhnlich heiß, bestimmt weit über 30 Grad. Die Sonne brennt erbarmungslos auf das Dorf. Die Energie des Rituals und des Pfeffers ist sehr intensiv. Hier inmitten des Waldes scheint jegliche Wirkung potenziert. Im Haus bin ich allein und kann meinen Empfindungen freien Lauf lassen. Unvermittelt überkommt mich der Drang singen zu wollen. Mir schießen unterschiedliche Melodien durch den Kopf und ich fange tatsächlich an zu singen. Wie im Delirium muss ich lachen und weinen zugleich. 


Dann wird mir plötzlich ganz heiß. Ich schaue in meinen Taschenspiegel. Ein feuerrotes Gesicht sieht mir entgegen. Sobald die Sonne untergeht verlasse ich mein Haus. Eine Dorfbewohnerin reibt mich mit kaltem Wasser ein. Jetzt kühle ich wieder etwas ab. Ich gehe zum Schamanen und frage ihn, ob diese Hitze eine normale Reaktion auf das Ritual sei. „Es ist eine sehr starke Reaktion“, antwortet er mir. „Doch am ersten Tag ist die Kraft des Rituals am intensivsten. Insgesamt wird sie für drei Tage anhalten.“












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